Immer wieder habe ich mir vorzustellen versucht, wie es wäre, wenn eine fundamentale Sache, eine Vorbedingung, Kondition, wenn ETWAS anders wäre, als dies zum gegebenen Zeitpunkt der Fall ist.
Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn, zum Beispiel, keine Autos mehr führen.

Was das bedeuten würde.
Alle Güter würden plötzlich mit Zügen und Flugzeugen und vielleicht sogar auf kurzen Strecken mit Ochsenkarren oder Pferdekutschen transportiert.
Was im ersten Moment wie der Traum eines jeden umweltbewussten Menschen erschiene, flugs offenbart sich’s als ein einziges, dafür janusköpfiges Ärgernis: plötzlich würde sehr viel mehr geflogen, es gäbe zu wenig Güterzüge, die Strecken würden überlastet, die Gleise wären für solch eine schlagartig angestiegene Inanspruchnahme nicht geeignet, ja in einem mehr als ungenügenden Zustand: in kürzester Zeit würde das Streckennetz unter der Last a) verbiegen b) bersten; der Personenverkehr würde extrem eingeschränkt oder bisweilen ausgesetzt, was dem Ganzen einen Beigeschmack von Katastrophe oder Krise verliehe, von existenzieller Bedrohung …

Ein kriegsähnlicher Zustand stellte sich ein, der eine Atmosphäre von Unsicherheit und düsterem Geheimnis in der Realität installierte: Menschen beklagten kurzen Atem, unerfindlichen Druck auf dem Brustkorb, viele klagten von jetzt auf gleich über Beschwerden, die sie nicht näher zu beschreiben in der Lage wären, als mit eben diesem Wort: Beschwerde.

Niemand wüsste wie sie oder er von Hamburg nach Braunschweig käme, natürlich würde superviel geflogen, wie aber komme ich vom Flughafen zur Wohnung meiner Oma, die sich so über meinen Besuch gefreut hat, eine Distanz von 120 km, Züge wären, wie gesagt, nicht verfügbar, da sie wesentliche Güter transportierten usw. ?????????????????

Man würde ein beinahe unanständiges, weil gesundheitgefährdendes Maß an Verwegenheit an den Tag legen müssen, um nunmehr ein früher einmal nicht nennenswertes Ziel zu erreichen: eine Distanz von 120 km zu überbrücken, um der eigenen Großmutter ein paar Blumen persönlich zu übergeben, ihr eine gute Gesundheit zu wünschen, mit ihr in aller Ruhe durch den Wald zu streifen, Beeren, Kräuter und Pilze zu sammeln und dabei Witze darüber zu machen, dass ihre Sehschwäche, gepaart mit der Unbedarftheit ihres Enkelkindes in Sachen Natur, ihnen vielleicht eine tödliche Vergiftung bescherte.
Um all diese Dinge irgendwann, wenn man denn wieder Zuhause wäre, wo man wohnte, oder nicht wohnte, erinnern zu können, um in den nachhaltigen Genuss solcher Qualitätsmomente zu gelangen, hinge man sich an einen Güterwagen, illegal natürlich, bei absurd hohen Geschwindigkeiten, die des besseren Halts wegen nackten Füße in das Gitter krallend, mit beiden Händen ein an der Außenseite eines rostigen Güterwaggons festgeschweißtes (die Naht ist unregelmäßig und plastisch) Geländer umklammernd, während die Handinnenflächen ein Übermaß, ein ungewohntes, an Schweiß absonderten und man sich zu fragen begänne, ob nicht vielleicht doch irgendwann die eigene Kraft ausginge und man wohl oder übel in ein Gleisbett stürzte und zwischen kniehohen Brennnesseln verblutete, natürlich hätte man einen Fahrradhelm auf (looks like shit but saves your life) im Kontext der hier wirksam werdenden physikalischen Kräfte aber wirkte der verdichtete und mit Hartplastik überzogene Styroporhelm, wie eine Parodie auf Sicherheit.

Und ja, man wüsste selbst nicht, wie man in eine solche unerwartbar seltsame Situation gekommen wäre und fragte sich, ob es denn stimmte, dass Menschen sich an alles gewöhnten, wenn man denn bedenkt, dass man all diese Unwägbarkeiten mir nichts dir nichts auf sich genommen hätte, weil eine klitzekleine Variable im Alltag weggebrochen wäre oder mutiert, von der man sich über Jahre gewünscht hatte, dass sie bald verschwinden würde, wohlwissend, dass dies nie geschehen wäre. Und dann geschieht es doch und man versteht, dass der Zustand der Welt nicht mit einer Variablen steht oder fällt, wohl aber im Kleinen gänzlich andere Zugriffe verlangt.

Was sagt uns das Ganze?

Sind wir Anpassungstalente, sind wir unflexible Giganten, zu träge einer Abrissglocke auszuweichen, die wir sechzig Sekunden auf uns zufahren sehen; wer sind wir?

Immer wenn mein Gedankenmäander mich an diesen Punkt bringt oder besser gesagt an diesem Punkt rauswirft, ich mich aufrichte und mich frage, wo ich wohl gelandet bin, frage ich mich auch wie es wäre, wenn der Alltag vollkommen ohne Fahrräder vonstatten gehen müsste?
Wären die Auswirkungen weniger gravierend, würde mir der Umstand, dass ich diese beiden Fortbewegungsmittel (Auto und Radl) vergliche, nicht schon krumm genommen werden und ich, als von allen Seiten gleichermaßen ideologisch belastet, gebrandmarkt?
Würde ich aufhören Visionen zu entwickeln, Fantasien behutsam, Satz für Satz anzufachen, zu entkleiden oder aufzubauschen?